Zwischen Glanz und Grenze

Frauenpower klingt nach etwas Glänzendem – löst bei vielen aber unbewusst mehr Druck als Zuversicht aus. Über unsichtbare Massstäbe, das Superwoman-Syndrom und ein neues, menschliches Verständnis von Stärke. Erschienen in PERSÖNLICHKEIT!, 04/2026.

Zwischen Glanz und Grenze
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Erschienen in PERSÖNLICHKEIT!, Ausgabe 04 · April 2026 (WEKA Business Media AG). Von Brigitte Pfeifer-Schmöller.


Frauenpower klingt nach etwas Glänzendem. Lange Zeit wurde der Begriff als Ermutigung verwendet, bis in die 2000er-Jahren war er Ausdruck für weibliche Unabhängigkeit und Erfolg. Und doch wirkt er heute oft anders: Bei vielen Frauen löst er – meist unbewusst – mehr Druck als Zuversicht aus.

Der Duden beschreibt Frauenpower als «Kraft, Stärke, Macht der Frauen». Und ja – Frauen haben Kraft. Aber was gesellschaftlich daraus gemacht wurde, ist ein anderes Bild: die Frau, die alles schafft. Die Karriere macht, Kinder grosszieht, gut aussieht, freundlich bleibt und trotzdem durchsetzungsstark ist und, die nie müde wird. In den 1990er- und 2000er-Jahren wurde dieser Typus als ideal verkauft. Heute leben noch viele Menschen, oft unbemerkt, in diesem Schatten.

Bis zu Erschöpfung funktioniert «frau», strengt sich an, lebt oft nur mehr im «Autopilot-Modus». Irgendwann drängen sich die Fragen auf: Für wen mache ich das eigentlich? Was bedeutet Stärke wirklich für mich?

Powerfrau versus normale Frau

Besonders spannend finde ich in diesem Zusammenhang den Kontrast zwischen Powerfrau und der «normalen» Frau. Die Bezeichnung alleine schafft nämlich schon eine Trennlinie: hier die, die leistet – dort die, die einfach «nur» lebt. Gerade bei nach aussen hin erfolgreichen Powerfrauen sehen wir oft nur das Ergebnis. Nicht den Weg dorthin, nicht die Umwege, die Selbstzweifel, das schlechte Gewissen, die Höhen und vor allem die Tiefen.

Genau aus diesem Gedanken heraus habe ich im Rahmen einer Initiative zum «Internationalen Frauentag» zehn Frauen interviewt, die das Prädikat «Powerfrau» verdient haben. Ich habe sie um ihre Geschichten gebeten – offen, ehrlich, ungeschönt, unperfekt. Was diese Frauen verbindet? Nicht Glanz und Heldentum, sondern das Menschliche: Zweifel, Umwege, Rückschläge, Neuanfänge. Diese Gespräche haben mir und den Zuhörer*innen gezeigt, dass wir alle nur mit Wasser kochen. Das dürfen und sollen wir auch zeigen! Genau dort beginnt Authentizität und Integrität.

Die unsichtbaren Massstäbe

Wenn Frauen erzählen, dass sie gefühlt «versagen», höre ich genau hin. Meist geht es nicht um objektive Indikatoren, sondern um einen inneren Massstab: «Ich müsste mehr schaffen. Ich müsste das alles hinbekommen, so wie die anderen auch.»

Dieses Ideal lebt in Hochglanzporträts und in sozialen Medien, manchmal sogar in gut gemeinten Sätzen wie: «Wahnsinn, was du alles meisterst!» Klingt bewundernswert, wird aber allzuoft als stiller Auftrag verstanden: Du darfst nicht schwächeln. Das Aussenbild gilt es aufrechtzuerhalten.

Und die Männer?

Wussten Sie, dass es Powerfrauen, aber keine Powermänner gibt? Während Frauen hervorstechen, wenn sie als «Powerfrau» deklariert werden, wird bei Männern dies ohnehin erwartet: stark, belastbar, leistungsfähig, und das jederzeit. Offenbar trägt die gesellschaftliche Idee von Männlichkeit denselben Druck, nur leiser.

Männer und Frauen leben unter der Last unausgesprochener Erwartungen. Um darüber zu sprechen, fehlen oft die Worte und Räume. Sie funktionieren – oft jahrelang – ohne Pause, ohne Fragezeichen.

Superwoman-Syndrom und Burn-out

Der unwissenschaftliche Begriff Superwoman-Syndrom beschreibt den immensen Druck, den Frauen verspüren, um die Balance zwischen Karriere, Familie und Privatleben zu halten. Oft geht das dabei an den Tag gelegte Verhalten mit chronischem Stress, Schuldgefühlen (berufstätige Mütter wissen, was damit gemeint ist) und Burn-out einher. Es resultiert aus den eigenen, aber auch fremden Erwartungen, alles zu schaffen, worunter aber die Selbstfürsorge leidet. Die WHO weist darauf hin, dass Frauen weltweit häufiger von Burn-out betroffen sind. Kein Wunder in einer Welt, in der Dauerpower das Mass der Dinge ist und Pause oft mit Schwäche verwechselt wird. Vielfach kontraintuitiv ist der erste Schritt zurück zur echten Kraft: Pausen machen, innehalten.

Alltagstaugliche Stärke?

Ich erlebe oft, wie subtil und wirksam der äussere Druck sein kann. Wie schnell Frauen – aber auch Männer – in eine Überforderungsdynamik geraten, ohne es zu merken.

Anna ist Führungskraft in einem mittelständischen Unternehmen. Sie trägt Verantwortung für ein grosses Team und steht dabei «ihren Mann». Sie bekommt Anerkennung für ihre Klarheit, ihre Durchsetzungskraft und ihre Effizienz. Nach aussen hin wirkt sie wie das perfekte Beispiel für Frauenpower. Und doch sagte sie in einem der ersten Gespräche leise: «Manchmal habe ich das Gefühl, ich funktioniere einfach nur noch. Ich weiss gar nicht mehr, ob ich das alles will – oder einfach nur kann.»

Diese Aussage zeigt, was viele erleben: Die Stärke, die wir nach aussen zeigen, ist oft nicht die, die wir innen fühlen. Anna war nicht schwach. Im Gegenteil. Sie war ausgelaugt von ihrer Rolle, die sie täglich ausfüllte. Von der Erwartung, immer souverän zu sein, nie zu zögern, nie zu zweifeln.

Ein Unternehmer, Vater und Marathonläufer schilderte Erschöpfung so: «Ich bin es gewohnt, zu liefern. Aber manchmal weiss ich gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal etwas nur für mich gemacht habe. Ich weiss gar nicht mehr, was mir Freude bereitet.»

Beide hatten etwas gemeinsam: Sie hielten sich an einem Ideal fest, das nie explizit ausgesprochen wurde, aber innerlich alles bestimmte.

Oft ist es genau diese Erkenntnis, die neue Perspektiven eröffnet: dass hinter Erschöpfung keine Schwäche liegt, sondern ein überladener Anspruch. Dass der Wunsch, «es gut zu machen», sich verselbstständigen kann. Und dass es mutiger ist, sich selbst ehrlich zuzuhören, als einfach weiterzumachen.

Mich berührt, wenn Menschen beginnen, ihre Geschichten neu zu schreiben. Wenn sie sich erlauben, das Tempo zu verändern. Oder plötzlich sagen: «ich dachte immer, ich müsste … aber eigentlich will ich …». Diese Momente sind für mich Ausdruck echter Power. Nicht die laute, äussere, sondern die leise, ehrliche, innere Kraft.

Was Stärke für mich bedeutet

Ich denke, dass es an der Zeit ist, den Begriff «Frauenpower» neu zu denken, vielleicht sogar loszulassen. Was wir brauchen, ist kein weiteres Ideal, keine neue Stufe der Selbstoptimierung. Was wir brauchen, ist ein Verständnis von Stärke, das uns wirklich entspricht.

Für mich bedeutet Stärke heute nicht mehr, alles im Griff zu haben. Sie heisst: bei sich sein! Echtheit zulassen, Hilfe annehmen und auch einmal nicht funktionieren.

Mein persönliches Motto

Mit einem Augenzwinkern habe ich vor einigen Jahren einen Satz geprägt, der mich selbst durch solche Phasen trägt: «Die einen kennen mich – die anderen können mich …»

Eine tiefe Erleichterung, denn ich muss nicht jedem gefallen, ich muss nicht alles erfüllen und ich muss es nicht jedem recht machen. Wer mich wirklich kennt, sieht auch meine Zweifel, meine Pausen, meine Grenzen. Und das ist gut so.

Vielleicht ist das ein Gedanke, den wir uns alle ab und zu bewusst machen sollten, und gerade dann, wenn der Autopilot wieder übernimmt.

Zeit für neue Bilder von Stärke

Ich wünsche mir, dass wir ein Bild von Power – bei Frauen als auch bei Männern – entkoppeln von Stärke. Stattdessen wünsche ich mir, dass wir es mit Menschlichkeit, Verbundenheit und Vielfalt füllen. Dass wir sagen dürfen: Ich bin nicht stark, obwohl ich zweifle, sondern gerade deshalb!

Denn was wirklich Kraft braucht, ist nicht der ständige Sprint. Es ist das aufrechte Gehen im eigenen Tempo.


Zuerst erschienen in PERSÖNLICHKEIT!, Ausgabe 04 · April 2026, WEKA Business Media AG.